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Aufarbeitung 2011/2012

Aufarbeitung 2011/2012

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Wieder ist viel Zeit vergangen und viel an therapeutischer Arbeit geleistet worden. Vom Jahr 2011 ist eher wenig zu berichten. Im Januar 2011 hab ich nach 1,5 jähriger Krankheit und Auszeit den Einstieg ins Berufsleben wieder gefunden. Die ersten Ängste wurden abgelegt und ich fand den Spaß an meiner Arbeit als Heilerziehungspflegerin wieder.

Zur Jahresmitte hin hatte ich jedoch einen kleinen Rückfall. Dadurch gab es in der Arbeit auch Veränderung. Nach meinem Einstieg Anfang 2011, bekam ich nie wieder so richtig einen Fuß in das alte Team. Meine Arbeit war geprägt von Unverständnis und Vorwürfen durch mein Team. Aber ich lies mich dadurch nicht unterkriegen und lies mich im März 2012 in meine alte Wohngruppe versetzen, wo ich vom gesamten Team herzlich und mit Freude aufgenommen wurde. Seit dem habe ich wieder die Möglichkeit eigenständig ohne Ängste und Zweifel zu arbeiten.

Therapeutisch gesehen verlief das Jahr 2011 ohne große Veränderung und Vorkommnisse. Das Jahr 2012 war daher wieder geprägt von großen Veränderungen. Im Mai 2012 beantragte ich die schon lange fällige Trauma Therapie. Da ich mich wieder auf ein langes Warten und einen Wiederspruch einstellte an die Rentenversicherung wegen einer Ablehnung, war ich jedoch positiv überrascht als ich bereits 14 Tage später die Genehmigung in den Händen hielt. Ich bekam eine Genehmigung für einen 5- wöchigen Aufenthalt in der Trauma Station (Frauenbereich) der Wicker- Klinik in Bad Wildungen. Nun hieß es warten auf die Rückmeldung und den Termin der Klinik.

Von meiner Familie und meinem Arbeitgeber bekam ich alle Unterstützung und „Daumen drücken“ für die kommende Zeit.

Am 26. September 2012 war Anreisetag in Bad Wildungen. Meine Aufregung und Ängste steigerten sich, je näher der Tag rückte. Aber bereits im Vorfeld machte ich mir Gedanken was ich auf der Reha erreichen will und welche Ziele ich auf der Trauma Therapie verfolgen will. Dies hielt ich auch schriftlich für mich fest um ja nichts zu vergessen, denn es war mir wichtig die wenige Zeit so gut es geht von Anfang an zu nutzen mit Offenheit und Ehrlichkeit. Man bekommt ja schließlich nicht oft die Möglichkeit einer Trauma Therapie.

Am 2. Tag der Reha hatte ich mein Aufnahmegespräch bei der Psychologin/Trauma Therapeutin. Nachdem ich schon fast mit meiner Thematik mit der Türe ins Haus fiel J bekam ich von ihr die Rückmeldung wie mutig sie es findet das ich bereits am ersten Einzelgespräch so offen über solch ein Thema wie Sexualität, Ängste, Beziehung und Partnerschaft sprechen kann. Daraufhin legte die Therapeutin mir eine Verlängerung von 2 Wochen ans Herz, die ich gerne annahm und die auch sofort genehmigt wurden.

Ich habe mich zwar viel im Internet eingelesen was Trauma Therapie betrifft, aber dass diese so „einschlägt“ damit habe ich nicht gerechnet.

 

Trauma Therapie-
Eine Erfahrung mit positiven Folgen

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Die ersten Tage waren eher schwierig für mich, da ich ein Mensch bin der mit Veränderung und der Fremde nur schwer umgehen kann. Das Heimweh nach meiner Familie und meinem Zuhause Tat sehr weh. Es war alles so fremd. Die Umgebung, die Therapeuten, die Mitpatienten und die Therapie an sich. Ich fühlte mich die ersten Tage sehr depressiv,  weinte viel, benötigte die Unterstützung des Pflegepersonals und wollte am liebsten das Zimmer nicht verlassen.

Aber mein Verstand sagte mir regelmäßig:“ Das bringt dir nichts;-)“
Nach den Anfangsschwierigkeiten lernte ich die ersten netten Mitpatientinnen kennen, es folgten lange, intensive Gespräche und ich konnte mich ab da voll auf die Therapie und alles andere einlassen.

Ich überlege gerade wie ich das alles schriftlich festhalte, um nichts durcheinander zu bringen.
Zu Beginn der Reha wurde jede Patientin der Frauenstation in eine Gruppe eingeteilt. In jeder Gruppe waren zwischen 8 und 12 Frauen. Ich war ab da also in der sogenannten GRUPPE ROT

Ich hatte das große Glück das ich in der Gruppe und in der Einzeltherapie dieselbe Therapeutin hatte. Frau B. – meine Trauma Therapeutin war eine tolle Therapeutin die wirklich Ahnung von ihrem Fach hatte, die gezielt auf die Problematik einging und Lösungsvorschläge mit mir erarbeitete.

Der Unterschied zu meiner ersten Reha 2010 und dieser hier bestand darin:

In der 1. Reha ging es nur um meine Vergangenheit. Die damalige Therapeutin wollte wissen was passierte und gab mir aber nicht viele Möglichkeiten daran zu arbeiten. Dadurch hab ich mich nach 3 Wochen dazu entschieden, dass ich nicht mehr über die Vergangenheit sprechen will. Ich wollte in der Gegenwart an meinen Problemen etwas ändern. Von da an arbeitete ich eher an mir selbst, an den Dingen die ich im Bezirksklinikum Wöllershof gelernt hatte in der ich 5 Monate zu „Gast“ war.

 

Einzeltherapie

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Ja, und hier der Unterschied:

In dieser Reha war die erste Einzelstunde da um zu erzählen was ich bisher in meinem Leben erlebt habe, was alles passierte an Grausamkeiten und an den Problemen die ich akut dadurch habe und vor allem auch an den Wünschen die ich für die Zukunft habe.
Von da an, wurde an den aktuellen Problemen gearbeitet- die Folgen der Vergangenheit sind. Und ich stellte fest dass man nicht ständig die Vergangenheit erzählen und aufwühlen muss um zu verarbeiten. Klar kann man es nicht immer verhindern oder ausschließen da es ja alles zusammen spielt. Aber der Unterschied ist doch sehr groß gewesen.

Einmal pro Woche hatte ich Einzeltherapie. Zu Beginn dachte ich mir das sei sehr wenig. Da schaffe ich es nie meine gesteckten Ziele zu erreichen. Aber schon nach kurzer Zeit sah ich das anders. Denn jede Einzelstunde bei Frau B. war so intensiv und hart das ich jedes Mal 2-3 Tage brauchte um wieder auf die Beine zu kommen. Wenn man also mehr Termine pro Woche hätte wie soll man das denn schaffen, das würde man gar nicht ertragen.
Zum ersten Mal nach 2 Jahren griff ich auf meine Bedarfsmedikation zurück um meine Gefühle nur angehend zu ertragen und mich nicht weiter selbst zu quälen. Meine Gefühle spielten in diesen Wochen total verrückt, aber obwohl der Schmerz so groß war machte ich mir immer wieder bewusst dass ich ja genau deshalb die Trauma Therapie mache. Und solch eine Therapie geht nun mal nicht ohne Seelenschmerz. Ich verlor nie den positiven Aspekt aus den Augen, denn durch den Gefühlsschmerz konnte ich wieder etwas loslassen und meinen Weg weiter gehen. Das half mir, dies alles durchzuhalten und jeden neuen Tag mit neuer Kraft und neuen Mut zu gehen.
Mit Freude begegnete ich jeder Einzelstunde, denn ich wusste, ich komme in meiner Aufarbeitung weiter. Zum ersten Mal schöpfte ich so viel Mut und Hoffnung dass vieles bald geschafft ist und leichter wird. Frau B. machte mir viele Dinge klar, erklärte mir vieles und mir kamen dadurch immer wieder viele Dinge ins Bewusstsein die mein Verständnis für mich selbst, erleichterten.

Nach ca. 4 Wochen wurden dann erst mal die Diagnosen durchgesprochen. Aber im Vordergrund stand immer die Bipolare Störung. Hier waren auch für mich noch viele Fragen offen. Durch all die Reflexion, auch meiner einmaligen manischen Phase im Jahre 2006 wurden urplötzlich sehr viele seelische Schmerzen ausgelöst. Schuldgefühle fraßen mich fast auf, da ich in dieser Phase damals nicht mehr ich selbst war, sondern ein egoistischer, selbstsüchtiger Mensch der andere Menschen und sich selbst schwer verletzte. Aber während der nächsten Wochenwurde mir stark vermittelt das ich keine Schuld daran hatte. Das all die Dinge Teil der Manie waren. Heute dank der Trauma Therapie kann ich akzeptieren dass ich diese Fehler in meinem Leben gemacht habe, es fällt mir leichter und ich kann mir manches Mal sogar schon selbst verzeihen. Sich selbst verzeihen war immer ein Thema das im Mittelpunkt stand. Und sich selbst zu verzeihen ist das wichtigste überhaupt um endlich zu leben und frei zu werden.

 

Gruppentherapie

 

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Die Gruppentherapie ist bekanntlich fester Bestandteil der Einzeltherapie. Was ich hier manches Mal erlebte war oft unheimlich. In jeder Stunde wurden andere Themen besprochen die wir Frauen uns aussuchten. Man wurde regelmäßig konfrontiert mit Dissoziationen anderer oder auch bei einem selbst, Flashbacks, Tränen, Zusammenbrüchen, Wutausbrüchen, Frauen die schreiend die Gruppe verließen oder die Türe knallten, was bei anderen wieder etwas auslösen konnte. Wo oft gekämpft wurde um im Hier und jetzt zu bleiben, und nicht in die Vergnügtheit abzurutschen. Auch ich w3ar immer wieder betroffen. Die Themen waren häufig sehr schlimm und tiefgreifend z.B. mein inneres Kind, Umgang mit Dissoziationen, sich selbst verzeihen, Trigger, Umgang mit Gefühlen usw. Oft kamen alte Erinnerungen zurück, Gefühle die man nicht spüren will, und Gedanken die man teilen sollte- oft auch nach der Stunde mit dem Pflegepersonal.

Aber auch hier gab es die positiven Seiten. Durch jede schmerzliche Gruppenstunde spürte ich später eine Erleichterung in mir was meine Gefühle und Gedanken betrifft. Manches wurde leichter und war leichter zu ertragen. Durch den Erfahrungsaustausch mit anderen erfuhr ich Dinge, wo ich dachte es würde nur mir so gehen. Dabei haben viele Betroffene das gleiche Problem, die gleichen Gefühle, ja sogar die gleichen Gedanken. Wieder war da die Gewissheit: ich bin nicht alleine. Durch all die Gemeinsamkeiten entwickelten sich Freundschaften. Aber trotz der Freundschaften war die Abgrenzung ein wichtiger Faktor auf der Reha. Sich angrenzen von den persönlichen Geschichten der anderen oder auch von bestimmten Verhaltensweisen. Ich war stolz das ich dies soweit gut gemeistert hatte.

Ich danke an dieser Stelle meinen Gruppen-Freundinnen die an meiner Seite gegen die Vergangenheit und den daraus entstandenen Folgen kämpfen.

Denn nur wer kämpft kann verlieren, und wer nicht kämpft hat schon verloren!!!!

Wir schaffen das!!!

 

 

Sport- und Entspannungstherapie

 

Entspannung und Sport ist ein wichtiger Faktor in der psychosomatischen Therapie.
Die Klinik hatte hier einiges zu bieten.

Freiwillige Angebote waren:

*      Schwimmen 3x tgl.

*      Fitnessraum 3x tgl.

*      Ergometer Training 3x tgl.

*      Sauna

Auf meinem Therapieplan stand für mich:

*      Nordic Walking

*      Beckenbodengymnastik

*      Gymnastikgruppe rot

*      Aquafitness

*      Aktivierung-und Wahrnehmungsgruppe

*      Qi Gong

*      Autogenes Training

*      Atembiofeedback

*      Kunsttherapie

 

Mitpatienten

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Während der 7 Wochen auf der Trauma Station begegnete ich so viele Frauen, so vielen verschiedenen Persönlichkeiten. Jede von uns hatte ihre eigene Lebensgeschichte, jede hatte verschiedene Folgen der Traumatisierung davongetragen, die einen freundlich und nett und trotzdem Lebensfroh, andere verzweifelt und lebensmüde, wieder andere voller Wut und Hass auf das Leben und die Menschen, einige entwickelten im Laufe ihres Lebens einen unheimlichen Hass auf Männer durch ihre Erfahrungen. Multiple Persönlichkeiten, die sich in ihre Erkrankung flüchteten und Frauen die durch schwerste Traumatisierungen auf der Ebene eines Kindes standen.

Aber eines hatten wir alle gemeinsam!!!
Wir waren schwer traumatisierte Frauen die versuchte zu leben, egal wie!!!

Bereits zu Beginn der Reha entwickelten sich Freundschaften die ich nicht missen möchte. Intensive Gespräche über eigene Probleme, über Vergangenheit und gemeinsam lachen halfen uns festzustellen das wir vieles gemeinsam hatten. Der Missbrauch in der Kindheit bei jedem ähnliches oder sogar gleiches auslöste. Es war oft eine Erleichterung dies zu erfahren. Es war allerding besonders wichtig die Abgrenzung nicht aus den Augen zu verlieren. Hat man sich von vielen Frauen nicht abgegrenzt war man echt verloren. Dann hat man sich in Lebensgeschichten und Gefühlen von anderen wieder gefunden die nicht die eigenen waren. Und da wieder rauszukommen war sehr schwer, konnte häufig nur mit Hilfe des Pflegepersonals bewältigt werden.

Wir hielten uns in der Freizeit häufig im allgemeinen Foyer auf wo die anderen Patienten von anderen Stationen waren, wie Orthopädie, innere Medizin, Neurologie und Psychosomatik allgemein. Mit der Zeit stellte man fest, dass diese Patienten uns im Frauenbereich mit großer Vorsicht und Abstand begegneten. Da unsere gruppe recht offen war, erfuhren wir in so manchen Gesprächen auch was so manche denken. Da hieß es z.B. Da sind die vergewaltigten Frauen, die Männerhasser, die dürfen wir nicht ansprechen usw. Aber durch unsere Offenheit konnten wir doch manche überzeugen dass auch wir ganz normale Menschen sind. Und die waren teilweise so überrascht, dass man so offen mit uns reden konnte, dies haben wir in persönlichen Gesprächen sogar bestätigt bekommen.

Es war teilweise wirklich faszinierend.

Die Wochenendenden verbrachten wir die4 meiste Zeit in der Klinik. OK Stadtbummel oder lange Spaziergänge ausgenommen. An Ausflügen hatten wir eher wenig Interesse. Ich war eigentlich immer froh an den Wochenendehen meine Ruhe zu genießen mit und auch ohne andere Mitpatienten. Denn die Woche war immer sehr anstrengend gewesen.

Es war eine wirklich interessante Erfahrung auf der Trauma Station. Allerdings nach 7 Wochen war ich dann überglücklich endlich wieder nach Hause in mein gewohntes Umfeld zu kommen. Nach Hause zu kommen.

Am 14. November gings zurück nach HAUSE und ich freute mich sehr. Jedoch bereits am ersten Abend zuhause holte mich ein schrecklicher Flashback ein. Eine alte Situation, was den Missbrauch betrifft wollte wohl langsam aufgelöst werden. Denn seit meiner Reha bis heute – Februar 2013 gibt mein Bewusstsein Sekundenbruchstücke dieser schrecklichen Situation frei.

Obwohl es zum Teil nur schwer zu ertragen ist bin ich überglücklich. Denn es zeigt mir den Erfolg der Reha und das ich jetzt bereit bin loszulassen.
Ich habe wirklich das Gefühl endlich das Licht am Ende des langen Tunnels zu sehen.

Selbst verzeihen, Ängste verlieren, hoffen auf mein Glück, Glücksmomente bestimmen immer häufiger mein Leben. Das macht mich sehr glücklich.

Sicher wird es immer Rückschlage geben aber diese werde ich meistern, denn ich habe gelernt loszulassen, habe Werkzeuge erhalten um daran zu arbeiten, zu akzeptieren und mir selbst zu zeigen: Ich habe es verdient glücklich zu sein.

Nach all dem was ich erlebt habe, was ich durchleben musste, habe ich das Glück des lebensverdient.

Und hiermit möchte ich allen betroffenen sagen:

Ihr schafft es auch!!!!

Verliert nie den Glauben an euch selbst.

 

Ich denke die Aufarbeitung 2011/2012 wird der letzte Part sein, denn ich bin fast am Ende der Verarbeitung meines Traumas und Lebe endlich. Von nun an werde ich wohl eher an die positiven Dinge ran gehen.

Gerade im Jahr 2012/2013 passieren so viele davon.
Hier ein paar Auszüge:

 

Mai 2012
1. Vernissage zum Thema- „und trotzdem leben“ in der Regionalbibliothek in Weiden

Mai 2012
3 meiner Gedichte werden in einem Buch veröffentlich

August 2012
Ich schreibe meine Lebensgeschichte für eine weitere Anthologie( Buch)

Februar 2013
2. Vernissage „Seelenbilder“ im Musik-Café B14 in Wernberg-Köblitz

März 2013
3. Vernissage „ und trotzdem leben“ im Krankenhaus Tirschenreuth

Irgendwann 2013----- mein erstes eigenes Buch nimmt immer mehr Platz in meinen Gedanken ein J

 

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Ja was soll ich noch schreiben?

Danke an alle die diesen Weg mit mir gingen, mich unterstützen, mir Liebe und Freundschaft entgegenbrachten.

Ohne euch hätte ich das alles nie erreicht.